Körperkrippen und Grenzghettos

Autor: Rebecca Gisler
Redaktion: Rebecca Gisler

Mode bei H&M. Die Lederjacke gibt’s nur dort und jetzt zum Spitzenpreis. Warteschlangen in den Einkaufsstrassen. Nervosität vor dem Startschuss. Das Geld in der Tasche oder als Nummer auf der Karte. Los. Es wird geschubst und gestossen. Der Geruch von Textil zieht Körper an.

Der Erste ist der Schnellste, und um zu siegen ist man sogar bereit, Kleiderstangen einzureissen. Schaufensterpuppen werden umgehauen, sie könnten uns bald überholen. Wer zu spät kommt, weint, als sei nun alles verloren.

Wie wichtig ist, wer geht?

Montag. Drei Termine. CM, BNP, der dritte fällt aus. Es gibt ein Loch. Also gehst du malen. Schwarz. Grau. Gelb. Grün. Blau. Nach zwei Stunden wirst du müde. Um 19.30 schälst du Karotten. Dienstagmorgen bringst du deine Kinder in die Krippe und denkst, dass du den Rest des Tages nun besser atmen kannst. Dein Handy klingelt. Der Zahnarzt erwartet dich seit einer Stunde. Du rennst. Du zögerst zwischen Metro und Fahrrad, aber du rennst. Beim Zahnarzt angekommen, sagt er dir, dass der kleine Zahn, der deinen Gaumen stört, entfernt werden muss. 14.00 Meeting mit J.P. 16.00 Skype Meeting mit L.N, die sagt, dass der Termin in Bangkok annulliert worden sei. Du bist wütend und gehst nach Hause. Dir fällt auf, dass du vergessen hast, deine Kinder in der Krippe abzuholen. Nun sind sie wütend. Du gehst mit ihnen an einen Ort mit vielen Tieren, damit sie dir verzeihen. Du vergleichst dich mit dem einzigen Tier, das nicht dazu gehört; die Katze, die du beim Eingang getroffen hast. Du realisierst, dass auch sie eingeschlossen ist.

Wie wichtig ist, wer geht, wenn man auch mit Booten das Mittelmeer überqueren kann?

Wer reinfällt, wird eingefroren. Die Hühnerhaut wird Standard, trotz der anderen Körper, die wärmen und hoffen. Hühnerhaut und Hühnerhaut gleich Hühnerhaut. Wenn alle Plätze besetzt sind, darf man hoffen, nicht über Bord zu fallen. Die Blicke suchen den Horizont, die Augen müssen geöffnet bleiben. Wir lesen das in der Zeitung und es schaudert uns. Denn wir sind unbegrenzt und geschlossen wird bei uns höchstens das Garagentor. Ein Bein da, ein Arm dort. Und uns schaudert es, während die Olympischen Spiele im Fernseher gezeigt werden. Ein Schuss. Ein Knall. Rennen. Bücken. Sprung. Die Nationalhymne wird gesungen, immer und überall. Der Präsident benutzt Worte, wir spitzen die Ohren nicht, wir sehen nicht warum es um unsere Freiheit geht. Wir sehen nicht warum wir von singenden Krevetten regiert werden. Wir sehen Kriegseingriffe als Drittwelthilfe. Wir übersehen die Wege zu Wertstoffen, die uns früher oder später lahmlegen werden. Welcher Bewegungsapparat wird gewinnen? Er zielt, er schiesst, er trainiert dafür, er geht. Aber wie weit will man gehen?

Am Abend hackst du ein Kilo Zwiebeln und weinst.

Mittwoch. Du organisierst die Residenz. Du gettoisierst Künstler. Du verlässt das Haus um 10.00 und gehst ins Büro. Mit der Metro. Du begrüsst deine Mitarbeiter und legst die Hand auf deine Wange; dein Zahn schmerzt jedes Mal, wenn du nicht lächelst. B.R fragt dich, in welcher Farbe du das neue Sofa bevorzugen würdest. Du sagst, deine Lieblingsfarbe sei grün. Nach dem Mittagessen sagt B.R, dass das Team sich für ein Bordeauxrot entschieden habe. Du berührst deine rechte Wange. Und die linke. Plötzlich tun dir beide weh.

Aber wie weit will man gehen, um anzustossen, wenn es in der Küche Wasser gibt?

Manchmal muss man mehrere Stunden marschieren, bis man zum Wasser gelangt. Man holt das Wasser oder lässt es sich ins Gesicht fliessen. Es tröpfelt wie die Angst. Es zittert. H2O. Der Körper braucht ein gutes Ohr, um zu pausieren. Denn wenn sich alles reibt, gerät man ins Schwitzen und mit Schweiss löscht man den Durst nicht. Man reibt sich weiter oder schläft vielleicht ein. Lasst uns tanzen und kämpfen und irgendetwas Sinnvolles tun. Als Maschinen oder als diejenigen, die Maschinen bedienen. Die meisten können nicht zielen. Sie sehen nicht, wenn die Augen zu lange in die Sonne schauen. Aber die Sonne wärmt.

Geht es uns gut?

Geht es uns gut, damit wir weitergehen? Wir lassen gehen, und wir zergehen, wie ein Stück niedrig gegartes Hasenfleisch. Oder Tofu.

Dein Handy klingelt. Deine Geliebte. Sie spricht über euch. Sie wiederholt immer wieder ein leichtes WIR. Wir Salsa. Wir Walzer. Wir Rock’n’Roll. Du sagst ihr, dass du mit ihr tanzen gehen willst, Donnerstag um 19.00 nach der Deadline der News, die alle einzuhalten hätten. Du bittest sie, das Gemüse zu schneiden. Gemüse gettoisieren. Ratatouille. Sie lacht. Das reicht fürs Jahr. Du lachst. Es ist Freitag. Du bist ruhig. Du schaust in deine Agenda. Nächste Woche ins Theater. Die Räuber oder Antigone. Du wirst die Eintrittskarten samstags holen. Denn Sonntag ist der siebte Tag. Du wirst einen Namen, einen Ort und einen Preis angeben. Am Schalter. An der Theaterkasse.

Deine Kinder mussten in der Schule den Frieden zeichnen. Sie sagen, es wäre einfacher gewesen eine Waffe zu malen. Es bedrückt dich, weil es deine Kinder sind. Du sprichst mit ihnen, weil du willst, dass sie gut wachsen.

Wie politisch ist das Wachsen?

Künftige Politiker werden an den selben Schulen ausgebildet. Es werden Klassenbilder geschossen. Und wir wählen das Gesicht aus, dem wir am meisten vertrauen. Wir denken, der scheint ein Guter zu sein. Und wir sagen, es gibt aber auch Gute. Fern von unseren Grenzen, auch da gibt es Gute. Was sind Gute? Wir schliessen die Augen und denken, unser Schreiben und Atmen sei unpolitisch. Wir gettoisieren und benennen, wir verschachteln und wir formen. Wir formen die Menschen, die uns formen sollen.

Du gehst unter die Menschen und du hast Angst. Du wurdest dazu ermutigt, keine Angst zu haben, aber es ist nun mal so. Denn alles was geschieht, das hast du nicht erwartet.

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