Kannst du gehen?

Autor: Yannick Consaël
Redaktion: Rebecca Gisler

Als ich letztes Jahr aus Geldnot wieder einmal eine Stelle in einem Behindertenheim annahm, war mir bewusst, dass die Bewohner das Personal überforderten und ein rascher, unkomplizierter Ersatz gebraucht wurde. Ich. Nachtdienst. Rund dreissig Bewohner.

Unausgebildet, nicht teamfähig, kein Freund des Hundertprozent-Vertrags, dafür ein wenig arbeitserfahren, war ich für diese Stelle wie geschaffen. Dem Personalmangel der Heimleitung kam ich entgegen und meine finanzielle Lücke würde geschlossen werden. Schnell wurde mir klar, dass der sich plötzlich verschlechternde Gesundheitszustand einzelner Bewohner Grund für die freie, gut bezahlte Stelle war. Genauer gesagt: Herr K.J.N.

K.J.N. ging auf die siebzig zu, litt an der Parkinson-Krankheit und war an Demenz erkrankt. Ersteres war ihm nicht neu und seinem Umfeld auch nicht. Letzteres hatte Ersteres in den letzten Monaten jedoch in den Hintergrund gestellt und das neue Bild von K.J.N. geschaffen. Zum Zeitpunkt meiner Anstellung spuckte K.J.N. Postleitzahlen verschiedener Schweizer Dörfer und deren Bus- und S-Bahnverbindungen raus. Jetzt nur noch Spucke. Ein schmächtiger, grosser Mann, dessen gebückte Haltung immer gebückter wurde und oft die 90-Grad-Grenze zu überschreiten schien. Seine Schritte wurden unsicherer und die Speichelspur auf dem Betonboden des Heimes führte immer öfter zu einem um Hilfe bittenden Körper, den man vom Boden aufheben musste. Der nächtliche Austausch wurde seltener und die Gesichter verloren langsam ihre Namen. K.J.N.s Krankheit nahm immer mehr Platz ein.

In der Nacht des 18.März 2015 verliess ich wie üblich um 20.00 Uhr das Haus, rannte auf den Zug, stieg zweimal um und traf pünktlich um 21.00 Uhr im Wohnheim ein. Ich nahm die Musik aus den Ohren, öffnete die Eingangstür und trat in die Arbeitswelt ein, wo der Tagdienst bereits ungeduldig auf seine Abgabe wartete. Hier muss ich kurz den üblichen Arbeitsablauf erklären:

21.00: Eintreffen, Übergabe des Tagdienstes an den Nachtdienst, Informationsaustausch etc., Medikamentenübergabe mit Medikamentenblatt.
21.30: Beginn des ersten Rundgangs
22.00: Medikamentenabgabe an Herrn K.J.N.
22.00 bis 23.30: Frei nutzbare Zeit, sofern kein Bewohner etwas braucht (meistens freie Zeit)
23.30: Zweiter Rundgang. Verriegeln der Eingangstüren. Alle schlafen.
00.00 bis 06.30: Schlafenszeit für die Nachtbereitschaft, sofern niemand etwas braucht.
07.00: Übergabe an den Tagdienst.

In seinen nächtlichen Eskapaden glaubte ich einen dringlichen Wunsch nach Nähe und Aufmerksamkeit zu erkennen

Wie bereits erwähnt, hatte sich K.J.N.s Zustand rasch verschlechtert und seine Psychosen füllten seinen Alltag mit Angst und panischen Ausbrüchen und raubten ihm und seinem Umfeld jegliche Kraft. Die ihm verabreichten Medikamente schienen nichts daran zu ändern und wurden von den desillusionierten Betreuern, zu denen ich auch mich zähle, auf Anordnung des Arztes auf einem Löffel in K.J.N.s Mund gesteckt und mit Hilfe einer mit Wasser gefüllten Schnabeltasse und grosser Mühe in sein Inneres befördert, denn seine Schluckbereitschaft hing auch von seiner Laune ab.

In seinen nächtlichen Eskapaden – Stürze, Aua-Schreie, WC-Besuche (die zwar ohne Hilfe begonnen, aber nicht ohne Hilfe beendet wurden) - glaubte ich einen dringlichen Wunsch nach Nähe und Aufmerksamkeit zu erkennen. Ich beschloss daher in dieser Nacht, gleich nach der diesmal reibungslosen Medikamentenabgabe, bei ihm zu bleiben. Eines der verabreichten Medikamente war ein Schlafmittel, das nach etwa 30–45 Minuten seine Wirkung entfalten und K.J.N. eine ruhige Nacht garantieren müsste. Meine Anwesenheit sollte bis dann seine Angst, Einsamkeit und eventuellen Bewegungsdrang unterbinden. Ich holte einen Stuhl aus der Küche, setzte ihn neben das Bett und mich drauf. Nahm mein Buch hervor und begann zu lesen.

«Willst du dass ich bleibe?», fragte ich ihn.
«Ja».

Das genügte mir. Meine Präsenz tat ihm gut. Bei der Übergabe hatte mich der Tagdienst darauf hingewiesen, dass K.J.N. einen ausgesprochen schlechten Tag gehabt habe. Er sei nur in seinem Zimmer gewesen und habe kaum etwas gegessen. Wenn er gesprochen habe, dann nur von seiner anstehenden Beerdigung oder um die Namen der Heimleitung wieder und wieder vor sich her zu sagen und dabei mit seinen Händen ans Bettgestell zu schlagen.

«So lala.»

«Wie geht es dir, Yannick?» Ich war überrascht, meinen Namen zu hören. Besonders heute. Früher war dies normal. Früher erkundigte er sich über mein Leben und das der anderen Nachtarbeiter. Richtete Grüsse aus und erzählte von seinen Verwandten, von seinem Bruder, der im Wallis lebte und wo er auch schon auf Besuch gewesen war. Strich sich mit seiner rechten Hand über das bärtige Gesicht, das jetzt, wahrscheinlich aus hygienischen Gründen, immer glattrasiert war und wollte wissen, wo ich schon überall gewesen war, ob es dort schön sei, ob das Wetter stimme, was man dort für eine Sprache spreche. Doch seit drei Monaten nannte er mich nur noch selten beim Namen und alle Fragen blieben aus.

«Gut. Und dir?»
«So lala.»
«So lala? Wieso denn so lala?»
«Wenn ich das nur wüsste.»
Ich schwieg.
«Was machst du morgen?», wollte er wissen.

Seine Stirn glänzte und das blaue T-Shirt war von Kopfschuppen übersät.

Ich versuchte ihm meinen morgigen Tagesablauf zu schildern, auch wenn ich ihn selbst noch nicht so genau kannte. «Und du?» Meine Frage blieb unbeantwortet. Ich widmete mich wieder Jean-Paul Sartres L’existantialisme est un humanisme, aber mein Blick fiel immer wieder auf K.J.N.

Da lag er, auf dem Rücken, in seinem von der hellen Nachttischlampe beleuchteten, fünfzehn Quadratmeter grossen Zimmer, auf seiner 200×90 Matratze, in einem Holzbett, das man mit Hilfe einer Bedienung hoch und runter stellen konnte. Nachttisch mit rosa Salzkristall-Steinlampe, die mir immer wieder die esoterische Familie eines Primarschulfreundes und deren Geruch in den Sinn rief, Schrank, Fernseher und Spülbecken füllten die sonst ungenutzten Stellen des Zimmers. Seine Stirn glänzte und das blaue T-Shirt war von Kopfschuppen übersät. Die Füsse waren in graue Filzfinken gehüllt, die er seit einiger Zeit auch in der Nacht tragen wollte, blaue Pyjamashorts bedeckten die mageren Beine. Seine linke Hand klopfte, wie schon immer, gegen seinen linken Oberschenkel oder gegen seine rechte Hand. Das Kinn zur Brust, der Nacken versteift, drehte sich sein Kopf und beobachtete den Raum.«Kannst du mir meine Beinli wieder ins Bett legen?» Ich bejahte die Bitte und ignorierte die Tatsache, dass sie bereits im Bett lagen, stand auf, nahm seine Beine, bewegte sie kurz nach rechts, nach links und legte sie an der etwa gleichen Stelle zurück aufs Bett. Ich setzte mich wieder hin und las weiter.

Er lachte und ich lachte mit. Lachte ihn an. Er lachte weiter. Doch er lachte mich nicht an.

«Bleibst du noch?»
«Ja.»
«Wie lange?»
«Mmm … weiss nicht. Bis du eingeschlafen bist und vielleicht noch etwas länger. Ist das gut?»
Keine Antwort.«Soll ich bleiben?»
«Ja.»
Ich blieb.

Meine Augen hatten sich seit einer Weile von meinem Buch gelöst und fixierten K.J.N., der immer wieder laut auflachte. Meine ganze Aufmerksamkeit war K.J.N. gewidmet. Noch nie hatte ich seine Zähne gesehen, noch nie hatte ich ihn lachen hören. Da lag er lachend in seinem Bett und schaute sich um. Er schaute an die Decke, an die Wand, auf den Boden, auf seine Hände und lachte dabei immer wieder auf. Sein Kopf drehte sich zu mir. Er lachte und ich lachte mit. Lachte ihn an. Er lachte weiter. Doch er lachte mich nicht an. Nein. Sein Blick traf nicht meinen. Nein. Seine glänzenden Augen schauten an mir vorbei. Schauten hinter mich. Durch mich hindurch. Ich drehte mich um. Nichts. Er lachte weiter und ich mit ihm. Ich mit ihm, er nicht mit mir. Immer wieder drehte ich mich um, schaute, wohin er zu schauen schien. Versuchte zu sehen, was er sah. Nichts!

«Du siehst mehr als ich», sagte ich mit einem Schmunzeln im Gesicht, «was siehst du?»
«Ich weiss es auch nicht genau», antwortete er mit einem leichten Kopfschütteln und breitem Grinsen.

Die Zeit verging und ich fand nicht zum Buch zurück. Er lachte weiter und sein Blick wanderte weiter in seinem Zimmer herum, zur Wand, zur Decke, zum Boden, zu den Händen, durch mich hindurch, hinter mich. Er hatte sich sogar etwas aufgesetzt und mit seiner linken Hand den weinroten Vorhang ein wenig auf die Seite gezogen, um dahinter blicken zu können. Nach einiger Zeit liess er den Vorhang zurückfallen, wendete sein Blick ab und legte sich wieder auf den Rücken. Sein Gesicht richtete sich zur Decke und er blieb so liegen. Das Lachen wurde seltener, die Drehungen des Kopfes weniger, die suchenden Augen hatten sich beruhigt, hatten gesehen und die Lippen verdeckten die Zähne.

«Bin ich hier?»
«Ja.»
«Kannst du gehen?»
«Ja.»
«Bleibst du hier?»
«Ja.»

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